Impuls zum Sonntag

Erinnerungen an den Winkemann

 

Früher fuhren wir oft als Familie zu meinen Großeltern. Dabei begegneten wir häufig einer großgewachsenen Person, die wir Kinder liebevoll den „Winkemann“ nannten. Er stand nahezu jeden Tag mehrere Stunden an einer großen Ampelkreuzung und begrüßte freundlich und mit ausladenden Bewegungen alle vorbeifahrenden Autos. Er machte keine Unterschiede nach Farbe oder Fabrikat, jeder wurde von ihm gegrüßt. Im Sommer, wenn wir die Autofenster unten hatten, hörten wir sein fröhliches „Hallooooo“, welches er den Autos zurief. Für uns Kinder war das jedes Mal ein Highlight. Auf der Anfahrt stieg die Spannung von Minute zu Minute und wir fragten uns jedes Mal, ob der Winkemann wohl heute wieder dort sein würde. Wenn er uns zuwinkte, erwiderten wir seinen Gruß mit allen Händen und großer Fröhlichkeit. Manche Autos grüßten hupend und so kam es, dass nach einer Rotphase ein regelrechtes Hupkonzert entstand, was ihn sichtbar freute. Wie der Winkemann wirklich hieß, wussten wir nicht. Es war nur bekannt, dass er in einer nicht weit entfernten Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen wohnte. Irgendwann war er dann verschwunden und kam nicht wieder. Keiner kann sagen, wo er geblieben ist. Vielleicht ist er umgezogen, vielleicht konnte er die Strecke nicht mehr alleine gehen, vielleicht sogar verstorben. Die Kreuzung hingegen gibt es immer noch. Sie ist jetzt wie jede andere Kreuzung: Gestresste Autofahrer, lähmende Rotphasen, stinkende Abgase. Es gibt nichts mehr, was sie besonders macht, kein Highlight, keine Hupkonzerte, keine freundlichen Begrüßungen, kein fröhliches „Hallooooo“. Manchmal frage ich mich auch, ob für einen Winkemann heute Platz in unserer Gesellschaft wäre. Zwar ist Inklusion in vielen Bereich auf einem guten Weg, dennoch stehen Menschen mit Behinderungen leider oft noch immer am Rand der Gesellschaft. Den ganzen Tag an der Kreuzung stehen und winken entspricht nicht den Idealen der Leistungsgesellschaft, in denen Geld und Karriere wesentliche Antriebselemente sind. Traurigerweise werden unzählige Kinder vor der Geburt abgetrieben, wenn eine Behinderung pränatal festgestellt wird. Es heißt dann, dass niemanden solche Einschränkungen im Leben und solches Leid zugemutet werden sollen. Wenn ich dabei an den Winkemann denke, werde ich sehr nachdenklich. Welch großes Charisma hatte er, uns Kindern ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Welch große Freude hat er verbreitet, in den vielen Stunden, die er dort an der Kreuzung die Menschen fröhlich grüßte. Welch große Schöpfung hat Gott in diesen Mann gelegt, der irgendwann verschwunden ist und uns vielleicht eines Tages an der Himmelspforte zuwinken wird.

Vikar Lukas Schröder