Impuls zum Sonntag

Nutzen wir unsere Flügel und fangen an zu fliegen

Von Sören Kierkegaard, dem dänischen Philosophen und evangelisch-lutherischen Theologen des 19. Jahrhunderts, stammt diese kleine Geschichte: „Die Christen leben wie Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsamste Gänserich steht auf einem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht: Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher.“

Kierkegaards Bild von den Gänsen ist eine scharfe und zugleich traurige Pointe: Die Gänse hören begeistert von der Freiheit des Fliegens, sie bewundern die großen Vorfahren, sie danken sogar dem Schöpfer für ihre Flügel – aber sie bleiben am Boden. Sicherheit und Gewohnheit sind stärker als die Sehnsucht nach dem Himmel.
Ich glaube, gerade darin liegt ein starker Zugang zu Pfingsten. Pfingsten ist nicht das Fest schöner Erinnerungen. Es ist nicht der „Gedenktag“ an den Heiligen Geist. Die Jünger sitzen ja zunächst selbst wie diese Gänse hinter verschlossenen Türen: ängstlich, vorsichtig, auf Sicherheit bedacht. Sie kennen Jesus, sie glauben an ihn – und doch bleiben sie wie gelähmt. Erst mit der Geistsendung geschieht etwas Neues: Der Geist Gottes, der uns in der Pfingstgeschichte, in den Bildern vom Sturm und Feuer dargestellt wird, macht aus Hörern urplötzlich Zeugen, aus Ängstlichen Mutige, aus Verschlossenen Menschen, die sich etwas trauen und die hinausgehen. Der Geist bewegt. Er setzt in Gang. Er gibt Flügel.

Vielleicht ist das die Anfrage von Kierkegaards Geschichte an die Kirche und an jeden Christen: Reden wir nur vom Evangelium – oder lassen wir uns wirklich vom Geist bewegen? Bewundern wir nur die Heiligen und Glaubenszeugen vergangener Zeiten – oder wagen wir selbst den Aufbruch? Denn der Heilige Geist ist keine fromme Dekoration des Glaubens. Er ist Gottes Kraft im Menschen. Wo der Geist wirkt, da entsteht Bewegung: Da überwinden Menschen ihre Angst. Da wird Versöhnung möglich. Da wächst Hoffnung gegen alle Resignation. Da entdeckt einer plötzlich, dass er mehr kann, als er dachte.
Da wagt einer die Wahrheit zu sagen, obwohl es unbequem ist. Da steht einer für andere.

Pfingsten heißt: Gott gibt dir nicht nur Flügel – er ruft auch auf zum Fliegen. Und vielleicht ist die größte Gefahr für den Glauben gar nicht der offene Unglaube, sondern die bequeme Gewöhnung: Man hört Woche für Woche die großen Worte von Freiheit, Liebe und Hoffnung, man nickt zustimmend – und bleibt doch im sicheren Hof.
Der Geist Gottes aber treibt hinaus. Nicht weg aus der Welt, sondern hinein ins Leben. Er macht Christen nicht weltfremd, sondern mutig, lebendig und beweglich. Die Frage von Pfingsten lautet deshalb vielleicht ganz einfach: Was nützt es, Flügel zu haben, wenn man nie fliegt? Also nutzen wir unsere Flügel und fangen an zu fliegen.

Allen ein „bewegtes Pfingstfest“!
Diakon Ludger Althaus