Der Laubfall des Lebens
Vor dem Fenster warfen die Bäume ihre Blätter ab. Sie seufzte. Wenn es doch nur genauso einfach wäre, auch die Erinnerungen des Lebens loszulassen. Sie blickte aus ihrem Sessel auf die kleine moderne Wohnwand mit der integrierten Fernsehnische. Sie hatte ja lieber einen klassischen Wohnzimmerschrank haben wollen, aber ihr Mann hatte sich durchgesetzt. Ach, Karl-Heinz, dachte sie, heute würde ich nicht mehr wochenlang mit dir darüber diskutieren. Ihre Hand glitt zum Sessel neben ihrem. Wenn sie die Sessellehne berührte, fühlte sie sich immer noch mit ihrem Mann verbunden – auch wenn es jetzt schon ein Jahr her war, dass sie von ihm hatte Abschied nehmen müssen. Seither lebte sie allein in dem Haus, das sie für ihre Familie gebaut hatten. Aber die Kinder waren ja schon längst aus dem Haus. An die entferntesten Ecken Deutschlands hatte es sie verschlagen. Mutti, wir können nicht mal eben schnell kommen, wenn dir etwas passiert, hatten sie argumentiert. Und sie hatten ja recht. Haus und Garten waren für sie allein viel zu groß und mit viel zu viel Arbeit für ihre alten Knochen.
Sie blickte sich im Zimmer um. 30 Quadratmeter Wohnzimmer – ein unglaublicher Luxus seinerzeit. Da hatte viel hineingepasst: die meterhohe Holzschnitzerarbeit aus dem Bayerischen Wald, die Sphinx vom Ägyptenurlaub, die gefühlt mannshohe Bodenvase aus generationenlangem Familienbesitz, das ebenso großformatige wie kitschige Gemälde als Ergebnis eines ebenso langen wie mehrsprachigen Feilschens von dem kleinen Flohmarkt in Paris; die vielen Basteleien früher der Kinder, später der Enkel; die Fotogalerie an den Wänden. Es war ein Museum mit den Erinnerungsstücken eines langen und zu allermeist glücklichen Ehe- und Familienlebens.
Und nun – von 140 Quadratmetern Eigenheim in 14 Quadratmeter Seniorenheim. Fernseher, Wohnwand und deinen Sessel kannst du mitnehmen, hatten ihre Kinder gesagt. Aber wenn sie so viele andere Dinge zurücklassen müsste – wonach sollte sie entscheiden?
Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Was ist Ihnen von den Besitztümern Ihres Lebens so wertvoll, dass Sie es unbedingt mitnehmen wollten?
Draußen fallen die Blätter von den Bäumen und raunen uns zu: Lerne loszulassen.
Pfarrer Uwe Müller