Impuls zum Sonntag

Von ganzem Herzen zuhören

Richtig zuhören ist eine Kunst. Denn richtig zuhören ist mehr als nur immer wieder mal Floskeln wie „aha“, „interessant“ und „was Sie nicht sagen“ einzustreuen. Das ist schon auch wichtig, denn das zeigt ja dem anderen, dass ich aufmerksam bin. Richtig zuhören meint aber mehr: dass ich mich wirklich für mein Gegenüber interessiere: für sein Leben, das, was er erlebt hat, was ihm wichtig ist, worunter er leidet und worüber er sich freut.

Die Romanfigur „Momo“ von Michael Ende ist das beste Beispiel dafür, worum es geht. Das kleine Mädchen Momo ist ganz Ohr; ungeteilt aufmerksam. Ihr ist ihr Gegenüber so wichtig, dass sie echten Anteil nimmt und bereit ist, ein Stück des Weges mit ihm zu gehen. Wer mit ihr spricht, dem schenkt sie Zeit. Momo berät nicht. Sie gibt keine Tipps oder Ratschläge. Sie hört einfach nur zu. Und dann geschieht das Wunderbare: Wer ratlos oder unentschlossen ist, weiß auf einmal, was er will. Schüchterne werden frei und mutig; Traurige werden froh. Momo hört Menschen ganz begierig zu. Denn sie glaubt fest daran, dass die ihr was geben oder sagen können. Jede und jeder Einzelne. Sie erwartet das förmlich von ihnen und klebt daher neugierig an ihren Lippen. Das macht ihre Gespräche so echt. Dadurch bekommen sie diese Tiefe.

Auch die Bibel scheint das zu wissen. Jedenfalls lese ich Psalm 88 so, wo der Verfasser sagt: „Neige dein Ohr mir zu. Höre auf mein lautes Flehen.“ Er bittet Gott um ein offenes Ohr, darum, einfach zuzuhören und den Betenden ernst zunehmen. Und wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: „Richtet nicht“ (Mt 7), dann verstehe ich auch das als Aufforderung, anderen richtig zuzuhören – eben ohne sie zu beraten, zu bewerten oder gar abzuwerten. Denn nur so können echte Beziehungen wachsen.

Momo gelingt es, richtig zuzuhören. Manchmal wäre auch ich gerne ein bisschen mehr wie sie. Aber das ist eben nicht so leicht. Gut nur, dass es jeden Tag viele Möglichkeiten gibt, um zu üben, wie das geht: zuhören. Einfach von ganzem Herzen zuhören.

Ich wünsche uns stets offene Ohren und Herzen und ein gutes Zuhören!

Ihr Diakon Ludger Althaus